something I'm looking for
#2
Gedankenverloren strich er mit den Fingern über die Stoffserviette und blickte durch sein Gegenüber hindurch, welches so gar nicht aufhören wollte zu reden. Eigentlich hätte er wohl zuhören sollen, doch Ryan interessierte sich nun mal nicht für die Aktien des Unternehmens seines Vaters. Eine Hotelkette, die er früher oder später übernehmen sollte. Der Mitdreißiger liebte das Geld, das ihm zur Verfügung stand. Er liebte auch die Möglichkeiten, die er dadurch hatte. Seine Frauengeschichten, die er in den Hotels weltweit haben konnte. Aber eines liebte er ganz sicher nicht: sich mit dem geschäftlichen auseinanderzusetzen, das war dann doch eher zermürbend für ihn. Was interessierte es ihn, dass die Umsatzahlen gerade um ein paar Prozent sanken, wenn sie doch nächsten Monate wieder nach oben klettern würden. So war es immer gewesen, und so würde es auch wieder sein, dessen war sich Ryan sicher. Sein Vater allerdings schien jedes Mal vor einem Herzinfarkt zu stehen, wenn die Kurve auch nur ein bisschen abflachte.

Doch auch wenn es ihn kein Stück interessierte, was sein Vater von sich gab, konnte er nicht einfach aufstehen und gehen. Er würde das Gespräch über sich ergehen lassen. Ryan musste nur an den richtigen Stellen nicken, schockiert wirken oder den Kopf schütteln. Immerhin war das sein Erfolgskonzept, wenn es darum ging seinen Vater zufrieden zu stellen. Bloß keine Widerworte geben, dass war seine Devise, seit klein auf hatte er gelernt, dass er damit bei seinem Vater am besten fuhr. So hatte er schließlich all das bekommen, was er heute sein eigen nannte, ohne je groß etwas dafür gemacht zu haben, außer ein folgsamer Sohn zu sein.

Nur dieses Mal ging sein Spiel nicht auf.
„Hörst du mir überhaupt zu?!“, empörte sich der Ältere und hob dabei etwas bedrohlich seine Gabel, auf der das letzte Stück seines Steaks seit zehn Minuten aufgespießt war. „Es reicht nicht mehr aus, mir die ganze Arbeit zu überlassen. Du musst endlich lernen Verantwortung für deine Aufgaben übernehmen.“
Ryan hob langsam seinen Kopf.
„Sicher“, gab er knapp zurück, „Ich kümmere mich morgen darum.“
Doch sein Vater ließ sich nicht so leicht abspeisen. Erneut begann er zu schimpfen, regte sich nur diesemal statt über fallende Aktienkurse über seinen unzuverlässigen Sohn auf. Die Adern auf seinem Kopf schienen fast zu zerbersten.
„Ich habe doch gesagt ich kümmere mich.“
Dieses Mal versuchte er seiner Aussage Nachdruck zu verleihen.
„Und jetzt iss dein verdammtes Steak auf, sonst sitzen wir noch drei Jahre hier. Ich habe heute noch etwas vor..“
„Du hast also etwas vor? So, so“, entgegnete sein Vater spöttisch und etwas drohendes schwang in seiner Stimme mit, „Ich hoffe es geht dabei nicht um irgendwelche Damen, die du in eines MEINER Hotels ausführen willst? Damit ist jetzt nämlich Schluss, Ryan. Solange du nicht so für mich arbeitest, wie du es sollst, setzt du keinen Fuß mehr in meine Hotels.“
Der jüngere sah seinen Vater perplex an. Er hatte ihm schon früher ähnliche Dinge angedroht, aber irgendwie klang er dieses Mal viel ernstzunehmender dabei.

„Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen“, erwiderte Ryan trotzig, „Das führt hier zu nichts, außer deinem Herzinfarkt.“
Er strich sich über den Dreitagebart in seinem Gesicht.
„Ich habe gesagt, ich kümmere mich morgen, meinetwegen auch gleich in der Früh.“
Ryan wollte keinen unnötig langen Streit vom Zaun brechen, dass würde ihn wohl nur den letzten übrig gebliebenen Nerv rauben. Natürlich hatte er eine Verabredung, wie fast jede Nacht wartete eine andere hübsche Dame auf ihn in seinem Hotelzimmer. Doch das hatte heute noch ein wenig Zeit. Vielleicht würde er auch, um seinen Vater zu besänftigen bei ihr nächtigen. Schließlich würde der Ältere sofort erfahren, wenn Ryan gegen seine Anweisung verstieß, wenn er es darauf angelegt hatte, ihn ein wenig zu quälen.
„Du zahlst, oder?“
Ohne die Antwort seines Vater abzuwarten, stand der Dunkelhaarige auf.
„Danke. Wir sprechen uns dann nächste Woche wieder.“
Ryan verließ den Tisch, ohne auf eines der wütende Worte zu reagieren, die ihm sein Vater hinterher rief. Sollten sie ihn doch auch aus dem Restaurant werfen, es war nicht Ryans Problem. Er hatte sich darum zu kümmern, wie er sein Spaßlevel heute wieder auf einen Höhepunkt treiben konnte.

Als hätte das Schicksal sein inneres Flehen, nach Ablenkung und Spaß, gehört, prallte er mit jemandem zusammen. Nicht nur irgendjemandem, sondern einer durchaus attraktiven jungen Frau mit roten Haaren, die etwas mystisches ausstrahlte.
„Verzeihung, ich wollte Sie nicht umrennen“, entschuldigte er sich rasch.
Es war schon erstaunlich, wie schnell er seine gerade noch genervt klingende Stimmlage zu einem freundlichen Säuseln verwandeln konnte. Kein Wunder, für schöne Frauen hatte er einfach ein Händchen. Und diese hier hatte eine Ausstrahlung, die ihn geradewegs um den Finger wickelte.
Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?“
Sie schien etwas verwirrt zu sein, wirkte fast ein wenig weltfremd in ihrer zerschlissenen Tunkia mit den frischen Blumen im roten Haar.
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Nachrichten in diesem Thema
something I'm looking for - von Pandora - 14.05.2019, 19:54
RE: something I'm looking for - von Ryan - 15.10.2021, 22:51



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